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Freitag, 20. Dezember 2013

Freitagsfisch meets Büchertausch

Wenn andere Menschen ihre Wohnungen aufräumen /ausmisten/entrümpeln, dann hat man manchmal Glück... Entweder stehen dann auf der Straße  als Einladung, den Büchervorrat zu erweitern, Bücherkisten mit Zum-Verschenken-Zettelchen zur Verfügung oder eben manchmal äußert die eine oder andere Fredissima in der privaten Gruppe FENSTERDEKO (Diskretfred des öffentlichen Fensterdekofreds bei Dawanda) den Wunsch nach ein paar Meter Regalfreiheit und verschenkt Lesestoff.

So konnte ich dieses Buch ergattern. Ich bin kein Bücherkaufmensch. Erstens habe ich kein Platz für Bücher in meiner 1-(und-kein-Stau)raum-Wohnung, zweitens wenn ich dann mal ein Buch kaufe oder geschenkt bekomme ist es meist englisch- oder niederländischsprachig und eignet sich daher nicht (oder wenig) für die Büchertauschaktion, die die Fredissimas in unregelmäßigen Abständen veranstalten.

Bei diesem besagten Büchertausch stellt Person 1 ein Buch vor, das an Person 2 verschenkt wird, wenn Person 2 sich dazu bereit erklärt, die kommende Buchbesprechung mit einem Buch zu übernehmen für Person 3, die dann die nächste Buchbesprechung übernimmt usw.... Eine Büchertauschpolonaise entsteht dann quasi... hehe...

Nun bin ich beim Lesen des geschenkten Buches (besten Dank an Frollein Diva !) namens EIN ENGLÄNDER IN PARIS von STEPHEN CLARKE auf eine Fischpassage gestoßen, die sich anbietet, den Freitagsfisch mit dem Büchertauschbeitrag zu kombinieren. Somit möchte ich die Möglichkeit, andere Personen als Gastschreiber/innen für den Fredissimas-Blog zu ködern, ausnutzen...

Das Buch eignet sich als unanstrengende Bettlektüre (keine Albträume zu  befürchten) sowie als Wartezeitüberbrücker beim Arzt, in der Postschlange oder für die U-Bahnfahrt. Es bietet einen guten Einblick in den französischen Gesellschaftsumgang durch die Augen eines Engländers erzählt. Anfangs fand ich das Buch etwas einfach gestrickt und stereotyp, vor allem als es um die zahlreichen sexuellen Abenteuern des Endzwanzigers ging. Aber setzt man sich über diese Einzelheiten hinweg, dann entwickelt sich das Buch zur witzigen Auseinandersetzung eines Engländers mit den sprachlichen, kulturellen und politischen Differenzen zweier Nationalitäten, die mit viel Selbstreflexion, Selbstironie und Integrationswille aufgezeigt werden, denn ich muss zugeben: Es ist sehr unterhaltsam geschrieben. Der Protagonist nimmt am Ende der Geschichte das Beste aus beiden Welten für sich in Anspruch und hinterlässt das Gefühl, ein Buch, das anfangs alltäglich und banal wirkte, doch Tiefgang und Inhalt verliehen zu haben.

Und als Leseprobe lasse ich euch zum Verkosten folgenden Freitagsfisch da:

Coluche hätte sich was Lustiges für meinen ersten 1. April in Frankreich ausgedacht. Den Franzosen fällt nämlich in der Regel nichts Witzigeres ein, als sich gegenseitig Fische auf den Rücken zu pappen. Keine echten natürlich - ein zappelnder Steinbutt oder eine fiese Makrele, das wäre ja wenigstens noch komisch.
Ich saß am Fenster des Schwulencafés bei mir um die Ecke (am Vormittag konnte man es von einem Heterocafé nur dadurch unterscheiden, daß in den Geschichtern der Kellner noch Spuren der Schminke vom Vorabend waren). Draußen beobachtete ich ein paar sich balgende Schulkinder, die einander grob aus Papier ausgeschnittene Fische an den Anorak zu kleben versuchten.
"Warum Fische?", fragte ich den Kellner, als er mir die gewünschte Zeitung brachte.
"Pourquoi pas?" meinte er bloß. Und hatte damit gar nicht so unrecht. Alles in Frankreich ist schließlich zentralisiert - warum nicht auch Aprilscherze?
Die französischen Zeitungen versuchen gerne, ihre Leser mit Scherzartikeln in den April zu schicken. Aber auch in denen geht es meistens bloß um Fische. Als ich also die Schlagzeile las, die einen Journalistenstreik ankündigten, konnte ich mir beinahe sicher sein, daß das kein Aprilscherz war.
Die Journalisten legten die Arbeit nieder, weil ihnen die Kampagne für die bevorstehenden Kommunalwahlen zu langweilig schien. Das konnte ich nachvollziehen. Jetzt, da der Irakkrieg so gut wie gelaufen und eigentlich schon halb vergessen war, mußte es ihnen richtig öde vorkommen, darüber zu berichten, wer die Macht in Camembertville-sur-Merde (Einwohner: drei Ziegen und eine Alte mit Damenbart) erringen wollte. Aber immerhin stand bei diesen Kommunalwahlen noch mehr auf dem Spiel als das übliche Geplänkel, welche Partei das meiste Geld für Kinderspielplätze verpulvern will. 


Wer nimmt die Herausforderung an, möchte das Buch zugeschickt bekommen und macht die nächste Buchbesprechung im Tausch dafür? Dann einfach über die Kommentarfunktion hier unter dem Beitrag eine Meldung hinterlassen. Ich finde Sie dann schon... *droht*...

Mehr Freitagsfische gibt es wie jeden Freitag bei Andiva.

Es winkt
Eure Cherry von Cherry Bomb und Kirschblüten-Tsunami


Sonntag, 4. August 2013

Büchertausch Nr. 12: Leon de Winter - SuperTex


12 ist meine Lieblingszahl und so ist es ja nur logisch, dass ich die 12. Buchvorstellung übernehme ;-) Das ist jetzt nicht das Buch, das ich ursprünglich vorstellen wollte, denn das hat über 600 Seiten und ich hatte jetzt einfach nicht die Zeit, es nochmal zu lesen – das hier hat „nur“ 265, ich hoffe, es findet einen Abnehmer – mir hat es gut gefallen wegen seines hintergründigen Humors.

Zunächst ein paar Worte zum Autor:
Leon de Winter, geboren 1954 in Herzogenbusch (NL: 's-Hertogenbosch) als Sohn niederländische Juden, die den Holocaust in einem Versteck überlebten, arbeitet als Filmemacher und Autor in Amsterdam und Los Angeles. Viele seiner Werke tragen stark autobiographische Züge, so auch Supertex, indem es um einen Vater-Sohn-Konflikt und um jüdisches Selbstverständnis in der modernen Gesellschaft geht.

Die Hauptperson Max Breslauer, übergewichtiger Millionenerbe eines Textilunternehmens in Amsterdam, erzählt auf der Couch seiner Psychoanalytikerin von der emotionalen Misere seines Lebens.
Auslöser war ein Autounfall: an einem Samstagmorgen war er mit seinem Porsche in mörderischer Geschwindigkeit durch Amsterdam gerast, um vergessene Unterlagen aus seinem Büro zu holen und hatte dabei eine chassidische Familie auf dem Weg zur Synagoge über den Haufen gefahren. Zum Glück kam der angefahrene Junge mit einem glatten Beinbruch davon, doch dessen empörter Aufschrei „was macht ein Jude am Schabbesmorgen in einem Porsche“ bringt Max zum Nachdenken.


In Rückblenden erfährt man von seiner Kindheit, dem Konflikt mit dem übermächtigen Vater, der als KZ-Überlebender ein Textilimperium mit Billigimporten aus Dritte-Welt-Ländern aufgebaut hatte und dann besoffen in seinem dicken Mercedes in einer Gracht landet und ertrinkt. Max‘ zwiespältiges Verhältnis zum konservativen Judentum, an das er erst seine große Liebe Esther und später auch seinen Bruder verliert, ist ebenfalls ein zentrales Thema.


Leon de Winter erzählt diese schwierigen Themen mit viel Witz und Humor und einem Auge für Situationskomik – zum Brüllen die Szene, in der Esther ihren Antrittsbesuch bei Max Eltern macht und von diesen genötigt wird, Unmengen von Mutters handgemachten Kroketten in sich reinzustopfen.

Am Ende findet Max dann doch noch seinen Frieden – es ist zwar nichts so, wie er sich das gedacht hatte aber doch irgendwie so, dass es sich gut anfühlt – und das ist es doch, was zählt.

Viel Spaß damit! Wer zuerst schrei(b)t, dass er es haben will, bekommt das Buch von mir zugeschickt und "darf" seinerseits ein Buch vorstellen und verschenken ....

Eure Erika von art.of.lahja

Freitag, 19. April 2013

Büchertausch Nr. 11: Paulo Coelho - Elf Minuten


"Elf  Minuten" von Paulo Coelho
Hardcover aus 2003  mit 286 Seiten

















WIKIPEDIA schreibt folgendes
 Ich habe es auf einem Rutsch gelesen, so fesselnd und interessiert bis zum Schluss 
und möchte es EUCH heute- ans Herz -  legen
...gleich mit einer Leseprobe, beginnt mit:
"Es war einmal eine Prostituierte namens Maria."
Und auf Seite 174. dann...
"Maria sah die Veränderung in Ralfs Augen. Sich begehrt zu fühlen erregte sie mehr als alles andere.
Es hatte nichts mit dem Standardablauf zu tun - ich möchte mit dir Liebe machen, will heiraten, will,
daß du einen Orgasmus hast, will ein Kind haben, will Verbindlichkeit.
Nein, das Begehren war ein freies Gefühl, ein im Raum schwebender Wunsch, der das Leben erfüllt - und das reichte;
dieser Wunsch trieb alles voran, brachte Berge zum Einstürzen...und ließ ihr Geschlecht feucht werden." 
 Na, wenn das nicht neugierig macht ...zwinker ;-))

Klappentext

Wie berührt man die Seele? Durch Liebe oder durch Lust? Kann man die Seele wie einen Körper berühren und umgekehrt? Ein provozierendes modernes Märchen über die Alchimie der Liebe.
"Wie im Alchimisten ist sich Coelho auch in Elf Minuten treu geblieben - als Meister der gleichnishaften Erzählung über eine Reise, an deren Ziel die spirituelle Selbstfindung steht."
Christiane Korff/Focus, München
"Ein kleiner Abriß über die Abarten der Liebe, der seelischen wie der körperlichen. Eine einfach geschriebene Geschichte um das ewige Mysterium: was sich Frauen wirklich wünschen."
Woman, Wien
"Paulo Coelhos Thematik ist drastisch: Es geht um Sex, Ängste, die dunklen Seiten der Intimität, um Leben am Rande des Abgrunds, aber auch im Licht. Meisterhaft führt Coelho durch Gefühlswelten."
Frauke Kaberka /General-Anzeiger, Bonn
"Paulo Coelho erklärt die Liebe, provokant und elementar."
Heidi Petermann /Journal für die Frau, Hamburg

Ich habe, bis ca. 2005, alles von Paulo Coelho verschlungen,
angefangen 1996 mit "Der Alchimist" !!!
Ein provozierendes modernes Märchen über die Alchemie der Liebe, 
greift schnell zu.... und über eine Rückmeldung würde ich mich sehr freuen,

Montag, 8. April 2013

Büchertausch Nr. 10: Jonathan Safran Foer - Extrem laut und unglaublich nah


Hi, Freundinnen des Lesens und dieses Blogs!

Diesmal stelle ich Euch ein Buch des amerikanischen Schriftstellers Jonathan Safran FOER mit dem tollen Titel „EXTREM LAUT UND UNGLAUBLICH NAH“ vor.
Es ist diesmal nicht so leicht und kurzweilig wie mein letztes („Die Bibel nach Biff“) und trotzdem eines, das ich Euch unglaublich gern und extrem eindringlich ans Herz legen möchte!

In dieser Geschichte geht es vor allem um den zehnjährigen Oskar Schell, dessen über alles geliebter Vater am 11. September im World Trade Center ums Leben gekommen ist und wie er versucht, damit umzugehen.
Anfangs habe ich mir schwer getan, die altkluge und überbordende Gedankenwelt des kleinen Jungen nachzuvollziehen. Aber ich musste nur die Logik und Rationalität meiner eigenen Welt wegstellten und mich auf seine einlassen, dann war die Sache klar: „Ich begleite Dich, Oskar!“

Aber auch die bewegende Lebens- und seltsame Liebesgeschichte der durch die Bombenabwürfe im 2. Weltkrieg auf Dresden traumatisierten Großeltern nimmt einen großen Platz in diesem Roman ein.
Absolut faszinierend fand ich dabei, wie der Autor die Stummheit des Großvaters umsetzt.

Ich habe während des Lesens geschmunzelt, gelacht, geliebt, gestaunt, (mit)gelitten und hin und wieder geweint.....es hat mich sehr aufgewühlt und trotz allem mit einem Lächeln in mein eigenes Leben entlassen.

Entweder man liebt dieses Buch von ganzem Herzen oder man kommt damit überhaupt nicht zurecht - ein durchschnittliches Buch ist es jedenfalls auf keinen Fall. Es ist auch Dank der einzigartigen Stilmittel (Fotos, handschriftliche Notizen, Farben,..) in meinen Top 10!
Ich liebe es :D

Hier noch ein paar offizielle Daten:
Titel der Originalausgabe: „Extremely loud and incredibly close“
auf Deutsch 2005 im Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, rausgekommen
ISBN: 3-462-03607-6

Wer es haben will, muss sich -wie gehabt- nur melden und versprechen, ein Buch zur Verfügung zu stellen und es uns schmackhaft zu beschreiben (vielleicht ein bisserl schneller als ich *geräuschvoll räusper*).

....worauf wartet Ihr noch? Ach so, eine kleine Kostprobe wäre Euch genehm! Na, bitteschön:

„...Bisher bin ich nur zwei Mal mit einer Limousine gefahren. Beim ersten Mal war es schrecklich, obwohl die Limousine große Klasse war. Ich darf weder zu Hause noch in einer Limousine Fernsehen gucken, aber ich fand es trotzdem super, dass ein Fernseher im Auto war. Ich wäre total gern an der Schule vorbeigefahren, damit mich Toothpaste und TheMinch in einer Limousine gesehen hätten, aber Mom meinte, die Schule läge nicht auf dem Weg, und wir dürften nicht zu spät zum Friedhof kommen. „Warum nicht?“, fragte ich, und das hielt ich für eine klasse Frage, denn wenn man genauer darüber nachdenkt, warum nicht? Inzwischen ist es anders, aber früher war ich Atheist, und das bedeutet, dass ich nur an Dinge geglaubt habe, die ich auch sehen konnte. Ich habe geglaubt, wenn man tot ist, ist man tot und fühlt nichts mehr und träumt auch nichts mehr. Es ist auch nicht so, dass ich jetzt an etwas glauben würde, das ich nicht sehen kann, bestimmt nicht. Inzwischen glaube ich eher, dass alles unglaublich kompliziert ist. Und im Übrigen haben wir Dad auch gar nicht wirklich beerdigt.
     Obwohl ich mich ziemlich zusammenriss, fand ich es nervig, dass Oma mich immer wieder betatschte, und deshalb kletterte ich auf den Beifahrersitz und tippte dem Fahrer auf die Schulter, bis er endlich auf mich aufmerksam wurde. „Wie. Lautet. Ihre. Benennung.“, fragte ich mit meiner Stephen-Hawking-Stimme. „Wie bitte?“ „Er möchte wissen, wie Sie heißen“, sagte Oma von hinten. Er gab mir seine Karte. Ich gab ihm meine Karte und sagte: „Sei. Gegrüßt. Gerald. Ich. Bin. Oskar.“ Er fragte mich, warum ich so rede. Ich erwiderte: „Oskars CPU ist ein Neural Net Processor. Ein lernfähiger Computer. Je mehr Kontakt er mit Menschen hat, desto mehr lernt er.“ Gerald sagte: „O“, und dann sagte er: „K.“ Weil ich nicht genau wusste, ob er mich mochte, sagte ich: „Ihre Sonnenbrille ist große Klasse.“ Er sagte: „Zweite Wahl, glaube ich.“ „Kennen Sie viele Schimpfwörter?“ „Ein paar schon.“ „Ich darf keine Schimpfwörter benutzen.“ „Ist ja die Härte.“ „Was bedeutet ,Ist ja die Härte‘?“ „Nichts Gutes.“ „Kennen Sie ,Scheiße‘?“ „Auch ein Schimpfwort, oder“? „Nicht, wenn Sie stattdessen ,Scheibenkleister‘ sagen.“ „Dann wohl nicht.“ „Schleckopeck mich am Balzacarsch, du Scheibenkleister.“ Gerald schüttelte den Kopf und lachte, aber nicht auf die fiese Art, das heißt, er lachte mich nicht aus. „Ich darf nicht einmal ,Muschi‘ sagen“, erzählte ich ihm, „es sei denn, ich meine meine Katze. Sie haben coole Autohandschuhe.“ „Danke.“ Dann fiel mir etwas ein, und ich musste es sofort loswerden: „Wenn Limousinen superlang wären, bräuchten sie überhaupt keinen Fahrer. Man könnte einfach hinten einsteigen, durch die Limousine gehen und vorne aussteigen, und dann wäre man am Ziel. Was in diesem Fall heißen würde, dass der Fahrersitz auf dem Friedhof wäre.“ „Und ich jetzt das Spiel gucken könnte.“ Ich klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Wenn Sie im Wörterbuch ,urkomisch‘ nachschlagen, finden Sie da ein Bild von sich...“

Und? Neugierig? ;o)

Es grüßt Euch ganz lieb, s‘Gartenpflänzchen*

Sonntag, 25. November 2012

Büchertausch Nr. 7: Herr Lehmann von Sven Regener


Buchbesprechung - Sven Regener: Herr Lehmann

Sven Regener kennen manche vielleicht als Sänger und Songtexter der Rockband Element of Crime  – „Herr Lehmann“ ist sein Debütroman, der laut Aussage des Autors bereits 1991 geschrieben wurde, aber erst 2001 erschien (sagt Wiki). Es gibt dazu auch ein Hörbuch, gesprochen vom Autor und einen Film (2003) von Leander Haußmann.

Der Roman spielt in Berlin Kreuzberg 1989, dem Jahr des Mauerfalls und schildert das Alltagsleben des Wahl-kreuzbergers Frank, den alle nur „Herr Lehmann“ rufen – das findet Frank zwar Scheiße, aber nicht so Scheiße wie den bevorstehenden dreißigsten Geburtstag. 30 Jahre alt werden ist Scheiße, denn dann beginnen auf einmal alle zu fragen, was man denn bitte schön anfangen wolle mit dem eigenen Leben. Denn dass jemand zufrieden damit ist, Kellner zu sein, ist in dieser Stadt, in der alle „eigentlich Künstler“ sind, nicht vorgesehen …Bisher hatte Lehmann alle Ansprüche von Eltern, Vermietern, Nachbarn und Frauen erfolgreich ausgesessen, lebte ungestört in seiner Eineinhalbzimmerwohnung und kellnerte ambitionslos vor sich hin. Doch auf einmal ist es vorbei mit dem schönen passiven Leben: die Eltern aus dem beschaulichen Bremen drohen ihren Besuch an,  er verliebt sich in die schöne Köchin Katrin, sein bester Freund Karl, der ihn immer aus allen misslichen Situationen rausgepaukt hat,  hat eine Sinnkrise und dreht völlig durch und ganz nebenbei fällt auch noch die Mauer …

Ich hab das Buch bestimmt schon vier Mal gelesen und finde es immer noch klasse. Der ganze Roman ist aus der Perspektive des Protagonisten erzählt und lebt vor allem durch die Beobachtung der alltäglichen Geschehnisse um einen herum, alles auf eine derart lakonische schnodderige Weise erzählt, dass man aus dem Grinsen nicht mehr herauskommt. Zum Brüllen die Szene mit den Eltern im Restaurant, denen er weisgemacht hat, er wäre der Besitzer und nicht nur der Kellner. Und dann schafft er es auch noch, sich kurz vorm Mauerfall mit ostdeutschen Grenzern anzulegen.

Aber lest selbst – wer zuerst schrei(b)t, liest zuerst und Überraschungen gibt es natürlich auch ;-)
Und das Verlotzte auf dem Cover gehört zum Design, isch behandle meine Bücher pfleglich, gelle ;-)

LG
Erika von artoflahja

Dienstag, 31. Juli 2012

Büchertausch, die zweite-"Der Hahn ist tot" von Ingrid Noll

Da es in dem von mir eingeheimsten Buch darum geht, Zitat: "dass die Protagonistin sich von unnötigem Ballast, sprich: Männern, befreit, sich daher schwerelos fühlt und Zeit für Wichtige Dinge im Leben hat" habe ich dieses Thema noch einmal aufgegriffen und diesen wunderbaren "flirrend bösen Erstlingsroman" von Ingrid Noll herausgekruschtelt.Gaaaanz oben unterm Dach hatte sich dieses Buch mit vielen anderen zusammen versteckt und ich als Lesejunkie kann sie einfach nicht hergeben. Dieses habe ich jetzt herausgezerrt und nach der Androhung von Kürsche, daß ich meins nicht eher bekomme, wie ich einen neuen Blogbuchtauschbeitrag geschrieben habe, mußte ich mich jetzt dransetzen, denn ich will das Buch ja nicht erst Weihnachten lesen...
Männer sind ein beständiges ,manchmal aber nicht immer erfreuliches Thema bei den Fredissimas.Deshalb bin ich mir sicher, daß dieses Buch etwas für eine von euch ist.
Ingrid Noll weicht ab vom gängigen Krimi-Schema des bösen Mörders, der in typischer "Who-dunnit"-Manier vom Leser und Ermittler gleichermaßen erraten werden muss. Stattdessen konzentriert sie sich vollkommen auf die Täterin selber. Die Morde selber stehen nicht im Vordergrund, sie sind nur logische Konsequenz im Leben der Protagonistin. Rosemarie ist nicht gerne eine Mörderin, aber das Schicksal scheint ihr keine andere Möglichkeit zu geben. Ihr schnodderiger Tonfall und ihre selbstironischen Kommentare über ihre missglückte Liebeswerbung geben dem Roman den richtigen Pfiff.
Rosemarie Hirte ist die Antwort auf all die frustrierten, einsamen Frauen, die das große Glück in ihrem Leben verpasst haben und sich vor einem letzten Versuch, darum zu kämpfen, scheuen. Natürlich schießt Rosi auf ihrem Weg ein wenig übers Ziel hinaus - aber das Ergebnis ist ein ein wunderbar leicht geschriebener Roman, der auch beim wiederholten Lesen nichts von seinem Charme einbüßt.

 

»Ich verdiene gut, ich halte mich gut. Mit meinen zweiundfünfzig Jahren sehe ich besser aus als in meiner Jugend ...«
Und doch ist Rosemarie Hirte, Versicherungsangestellte, ledig, nicht recht zufrieden mit ihrem Leben. Bis die Liebe sie trifft wie ein Hexenschuß ...
»Ingrid Noll, die nach dem Großziehen dreier Kinder plötzlich diesen flirrend bösen Erstlingsroman schrieb, erzählt mit unbeirrter Geradlinigkeit, immer stramm aus Rosis Sicht, von Mord zu Mord, und alles geht trotzdem gut aus, und man möchte sich vor Lachen über soviel Abstruses wälzen und gleichzeitig was Wärmeres anziehen, weil es einen gründlich friert, so sehr blickt man in die Abgründe der frustrierten weiblichen Seele. Ein köstliches Buch darüber, wie Frauen über Leichen gehen, um den Mann ihrer Träume zu kriegen. Männer, hütet euch, Rosi Hirte steckt in uns allen!« (Elke Heidenreich)

*Wer will es haben -brüllt*

eure Goldmarie von Hand-Werks-Art

Samstag, 28. Juli 2012

Büchertausch - Jenni Zylka "1000 neue Dinge, die man bei Schwerelosigkeit tun kann"


"Zu verschenken" stand auf der liebevoll im Treppenhaus abgestellten Kiste. Jeder kennt doch diese Kisten… Meist sind es zerfledderte Umzugskartons mit einer fast unentzifferbaren Aufschrift, die zum Mitnehmen auffordern, geradezu nötigen, obwohl sie meist nur Gratisexemplare der Bundesverfassungsgerichts-Jahresberichte und dergleichen enthalten… Aber DIESE Kiste war nicht unansehnlich, nicht mal inhaltlich verwerflich. Sie wurde wohl an einem in der Zeit weit zurück liegenden Tag im schwedischen Möbelhaus unseres Vertrauens erworben und lag nun in meinem Treppenhaus… prall gefüllt mit literarischen Schätzchen, wovon mir die meisten Autoren allerdings nichts sagten. Ich nehme meist nur Bücher mit von Schriftstellern, die mir zumindest einigermaßen vertraut in den Ohren klingen. Zu groß ist die Angst, auf Schund sitzen zu bleiben und dann??? Selbst ins Treppenhaus stellen??? Würde ich mich nicht trauen. Schließlich könnte jemand meine leserliche Handschrift erkennen und denken „SOWAS LIEST DIE??????? Nun ja, diese Autorin allerdings war mir sehr bekannt. Sie schrieb immer lustige Kolumnen in der tageszeitung, aber aus unerfindlichen Gründen las ich in letzter Zeit nichts mehr aus ihrem Sprachfundus in diesem Nachrichtenblatt. Umso erfreuter war ich, ihr erster Roman in dieser Funduskiste zu entdecken. Und es hat sich gelohnt!

Da meine kleine Bleibe prall gefüllt mit Bastelmessiematerial ist, aber nicht nur deshalb aus allen Nähten platzt, kann ich leider keine Bücher aufbewahren. So kam mir dann die Idee, eine neue Blogrubrik zu eröffnen und zwar die des BÜCHERTAUSCHS. Ich stelle euch das Buch (kurz) vor und wer Interesse hat, es zu lesen, braucht nur als Nächstes diese Tauschrubrik mit einem neuen Bücherinhalt zu füllen und schon bekommt er/eher sie von mir das Buch zugeschickt. Und damit bin ich das Wohnungsfüllmaterial auch schon sinnvoll los geworden… Hehe…

Ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung habe, was der Titel zu bedeuten hat. Ich habe keinen inhaltlichen sinnvollen Zusammenhang zur Romangeschichte gefunden… Aber egal, vermutlich geht es darum, dass die Protagonistin sich von unnötigem Ballast, sprich: Männern, befreit, sich daher schwerelos fühlt und Zeit für Wichtige Dinge im Leben hat, wie Kart zu fahren, ihre Lieblingsradiosendung namens „Musik für Nörgler“ zu hören, sich morgens in den Spiegel anzugucken und wie eine drogenabhängige Japanerin, quasi Yoko Ono, auszusehen oder eine motorisierte Parmesanreibe zu kaufen… Hehe…

Aber… ich hatte auch versprochen, nur eine kurze Zusammenfassung zu schreiben. Ich verderbe Ihnen doch sonst den Spaß am Lesen, Mensch! Daher hier einfach eine Leseprobe von der ersten Buchseite. Entscheiden Sie selbst, ob Sie die Geschichte gerne weiter lesen möchten. Aber eins sei gesagt: Ich habe lange nicht beim Lesen eines Buchs so oft und laut lachen müssen. Frau Zylka ist eine Sprachkünstlerin nach meinem Geschmack und schafft es, Alltägliches aus dem Zusammenhang zu reißen, so dass man bei der gekonnt-witzigen Beschreibung oft denkt: „Wäre ich da mal drauf gekommen“…

(Zitat Anfang):

Au Backe. Bei mir wurde eingebrochen. Als ich heute Nachmittag nach Hause kam, war die Wohnung leer geraubt: Anstatt der Schneisen, die man normalerweise zwischen die Papier- und Textilberge, die Gläser, Keksdosen und den Plastiknippes schlagen muss, um zum Beispiel zum Bett oder zum Schreibtisch zu gelangen, ist der Teppich freigeräumt. Er ist blau, der Teppich, das hatte ich schon ganz vergessen. Doch wo sind meine Sachen? Keine Berge, keine Endmoränen, keine Schneisen, nur Schränke, Bilder, leere Stühle. Ich überlege kurz, gucke in die Büroecke, wo der fiepende Computer hockt, registriere die ordentlich auf Regalen abgelegten Papierstapel, schaue in die Schränke, die mit von Zauberhand zusammengefalteten Pullovern, Pullundern, T-Shirts und Röcken gefüllt sind, und entscheide: doch kein Einbruch.
Da fällt mir wieder ein. Ich habe die Wohnung am Morgen mit einem Mann drin verlassen. Einem netten, am Abend vorher aufgelesenen, um die Mitte herum behaarten Mann in meinem Alter. Ich hatte ihm erlaubt, nach meinem Aufbruch noch etwas zu bleiben, normalerweise vertraue ich Menschen, mit denen ich eine leidlich heiße Nacht verbracht habe. Zumindest kann ich mir nicht vorstellen, dass ausgerechnet ich den einzigen Damenhöschendieb meiner Generation kennen lerne. Aber wer kann schon ahnen, dass so einer einen amtlichen Putzfimmel hat? Und einfach bei mir aufräumt, ohne dass ich ihn dafür bezahle?
(…)
Wie soll man auf sowas reagieren? Soll man beleidigt sein oder erfreut? Ich entscheide mich (auch wegen der nicht unangenehmen körperlichen Vorfälle der Nacht) für eine positive Rezeption und freue mich darüber, mal wieder eine Wohnung mit so vielen Sitzmöglichkeiten zu haben. Dass meine Wohnungen immer so unaufgeräumt sind, liegt vor allem an meinem Sammeltrieb. Den habe ich von meiner verstorbenen Oma geerbt, einem gutmütigen und rüstigen pommerschen Kriegsflüchtling. Meine Oma pflegte alles, was nach dem Mittagessen auf der Tischdecke übrig blieb, Krümel, Flusen, abgeschnittene Fingernägel und so weiter, in einer Blechdose mit der Aufschrift „Paniermehl“ zu sammeln.

(Zitat Ende).

Also… Ich gebe den Büchertauschstaffelstab weiter. Wer ist die Nächste????

Und wer das Buch nicht von mir zugeschickt bekommt, kann mit den folgenden Angaben sicherlich im Bücherladen oder in der Bibliothek fündig werden:

Jenni Zylka: 1000 neue Dinge, die man bei Schwerelosigkeit tun kann. Roman.
Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg. 2003.
ISBN 3 499 23405 x

Es winkt,

Eure Cherry von Cherry Bomb und Kirschblüten-Tsunami